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Ankündigungen:

Im NDR!

Lesung am 6.10 19:00 Uhr bei Kortes in Hamburg!

Das Buch "Nachbeben. Begegnungen mit deutschen Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts" ist bei Duncker&Humblot (ISBN 978-3-428-14826-4) erschienen.
Lesen Sie hier erste Auszüge!

Über uns

FabianKatjaKatja Gäbler

Opa kommt mit der Post. Regelmäßig landen Artikel der „Berliner Zeitung“ und der „Super Illu“ in meinem Briefkasten. Es geht um Geschichte, um Deutungshoheit, um die DDR. Opa kommt aber auch mit Abenteuergeschichten von fremden Ländern. Immer mit Begeisterung, immer mit einer Pointe. Glanz in den Augen, spricht er von seinem Diplomatenleben im Irak und in Ägypten. Ärger, spricht er über die „BRD“.

Die DDR. Heißes Eisen. Und immer heißer. Je mehr ich darüber las, desto weniger stimmten meine Gedanken mit denen meines Opas überein. Zu Hause: Eine gänzlich andere Perspektive auf die Geschichte. Streit provozieren? Mein Nachfragen änderte sich, nicht aber so, dass ich ihn angriff. Darf ich eure Akte sehen? Nein, das sei entwürdigend, einen Staat nach seinem Untergang so auszuziehen. Enttäuschung. Wissen, spüren, dass ich da noch etwas nachholen muss. Das Thema lässt mich nicht los, und doch führe ich nicht häufig Diskussionen darüber. Zu viel Angst zu verletzen und verletzt zu werden. Die DDR war eine Diktatur, ja. Aber. Und zugleich. Für mich ist sie mehr. Auch Heimat meiner Familie. Irgendwie bin ich auch stolz darauf, aus der DDR zu sein, ein Ossi. Etwas anders zu sein, in Heidelberg und Hamburg, ein anderes Gepäck zu haben.

Ich will meine Geburt um fünf Jahre nach vorne verschieben. Dann wäre ich Thälmannpionier geworden, immerhin eine Erfahrung mit einer Massenorganisation. Was hätte das mit mir gemacht, zum Appell antreten und strammstehen? Und überhaupt, die Maueröffnung bewusst erleben. So weine ich, wenn ich die Bilder sehe, weil es mich bewegt und weil ich nicht dabei war. Aber älter als zwölf hätte ich in der DDR nicht werden wollen.
Dieser Text bereitet Kopfzerbrechen. Gehe ich zu weit? Trete ich Opa auf den Schlips? So neugierig, so ängstlich. Was steht in den Akten? Was macht das mit mir? Will ich es wissen?

Einen Teil meiner Fragen habe ich meinem Opa für dieses Buch gestellt.

Fabian Wehner

Ich habe meine Oma Irmgard nie kennengelernt. Trotzdem weine ich, als ich vor den Trümmern ihrer Taufkirche im ehemaligen Ostpreußen stehe. Januar 2011. Das Dorf verschwunden, das Land unter friedlicher Schneedecke. Ich weiß, vor 66 Jahren war Krieg, sind sie hier aufgebrochen, fuhr der Zug nach Königsberg und weiter nach Gotenhafen. Um ein Haar auf „die Gustloff“...
Kindheit. Oma Irmgard hätte mich mit ihrem hellblauen VW-Käfer abgeholt, spannende Ausflüge in den Zoo oder an die Nordsee, erzählte meine Mutter. Da war Oma Irmgard längst gestorben. Geflohen, gelandet in Hamburg-Blankenese, ein neues zu Hause. Eine heile Welt? Milchmann, Elbe, Bullerbü, sonntags ein Riegel Schokolade, erzählte meine Mutter. Seelische Trümmer? Keine Rede davon, aber immerzu hatte Oma Irmgard Magenschmerzen. Wo liegt Ostpreußen, Mama? Irgendwo im Osten. Oma Irmgard musste Blankenese verlassen, Opas Arbeit wegen. Umzug nach Oldenburg, ein zweiter Heimatverlust? Sie hat sich nicht gewehrt, später Magenkrebs, erzählte meine Mutter. Im Oktober 1977 ist Oma Irmgard gestorben. Meine Mutter muss sehr traurig gewesen sein, aber keine Zeit, mein Bruder wuchs in ihrem Bauch. Wegen Magenschmerzen saßen wir oft beim Kinderarzt.

Raus. Studium in Greifswald. Ostsee, seltsames zu-Hause-Gefühl, vage Neugier auf das Land weiter östlich, ein Satz in Schleiermachers Monologen, der haften bleibt: „Immer mehr zu werden was ich bin, das ist mein einziger Wille“. Glieder einer Kette, Rückwärts krebsen um voran zu kommen, literarische Umwege. Mit dem Rad durch Polen und das Baltikum, Reiseleiter „Ostpreußisches Bilderbuch“, Hildegard Juhl, Gustloff, das Puzzle setzt sich zusammen.

Heute wohne ich in Hamburg-Blankenese, das Haus ganz ähnlich, Hirschpark, Elbe, Altes Land. Auf dem Friedhof gieße ich die Blumen. Wessen Geschichte ist das? Meine oder ihre? Bin ich belastet oder bereichert, beschränkt oder erweitert? Nicht lange her, da antwortet eine Bekannte auf die Frage, warum sie Freiwilligendienst in Jerusalem, in Yad Vashem mache, ihre Großeltern seien Nazis gewesen, „aber wieso sollte ich versuchen, mich davon zu befreien? Was ich tue, fühlt sich richtig an.“

Katja und Fabian sind 30 Jahre alt und leben seit einem Jahr in Hamburg.