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Im NDR!

Lesung am 6.10 19:00 Uhr bei Kortes in Hamburg!

Das Buch "Nachbeben. Begegnungen mit deutschen Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts" ist bei Duncker&Humblot (ISBN 978-3-428-14826-4) erschienen.
Lesen Sie hier erste Auszüge!

Unser Buch

Valdivia/Chile, 22. Mai 1960

Das Erdbeben kam an einem Feiertag. Da hat es gewackelt. Dann fielen gleich die Möbel um und ich hab noch gerufen, wir sollen doch nicht raus, wir sollen doch bleiben. Das Geschirr fiel runter und Blumentöpfe fallen und da bin ich auch raus. Da bin ich raus, raus bis auf die Straße, in totaler Panik. Ich bin gleich hingefallen. Das wackelte dermaßen, dass man nicht stehen konnte. Auf den Häusern waren Wassertanks, die schwappten hin und her. Schwapp, Schwapp, Schwapp. Und dann hat man schon diese Wellen gesehen, immer die Straße hoch. Das Gefühl ist: Das ist jetzt für immer, für ewig, so ist das jetzt eben. Das geht nicht vorbei. Du hast keinen Halt mehr, du kannst dich nicht auf die Erde verlassen. Das war ein sehr langes Gefühl, weil es ein sehr langes Erdbeben war, viereinhalb Minuten. Und dann die Nachbeben. Man weiß ja nie wie heftig der nächste Stoß ist, man denkt der nächste kommt, und noch schlimmer. Ich wollte aufstehen, bin aber immer gleich wieder umgefallen. Und immer hoch und wieder runter. Irgendwie hab ich es nochmal ins Haus geschafft und meine Flöte und meine Noten gerettet. Da war totales Chaos. Überschwemmung.
Am nächsten Tag bin ich in die Uni gegangen. Der Rektor hat gesagt, Ihr Deutschen kennt das ja. Ihr habt ja den Krieg erlebt. Und dann kamen die Flüchtlinge. Die waren ja ausgebombt, ausgebebt. Wir haben die versorgt, wie man das eben gelernt hatte bei den Wandervögeln. Mutter war ja auch Wandervogel.



Oldenburg, 08. Februar 2012

Das Verlässliche, die Erde, die ist weg. Das war‘s. Das blieb das dauernde Empfinden. Ich habe mich nie mehr sicher gefühlt. Das Leben ist gefährdet. Ich hatte ja nie Vertrauen ins Leben. Doch, zu Hause, vor 45. Ich hab Angst, immer Angst. Einfach Angst. Ich kann mich der Erinnerung nicht entziehen, versuche aber, mich ihr tagsüber nicht auszusetzen. Nur wenn ich schlafe, dann ist Schluss mit meinem Willen, dann überfällt sie mich. Im Traum gehe ich immer wieder mit unter. Manchmal wache ich nachts auf und Mutter ist bei mir, ganz präsent. Sie sitzt an meinem Bett. Dann muss ich mir einen kräftigen Schluck Wodka eingießen.



Hildegard Juhl hat ihre Mutter Erna, ihre Schwester Deike und ihren Bruder Hans bei der Versenkung der Wilhelm Gustloff in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1945 verloren.


Das Erdbeben von Valdivia war das schwerste Erdbeben des 20. Jahrhunderts. Am 22. Mai 1960 um 15:11 Uhr zeigten die Seismographen eine Amplitude von 9,5 auf der Richterskala an. Ein Viertel der chilenischen Bevölkerung wurde obdachlos.
Die junge Professorin der Universität Valdivia Hildegard Juhl saß in diesen Minuten zu Hause beim Kaffee. Das Erdbeben hat sie viele Jahre zurückgeführt ins Zentrum ihrer persönlichen Lebenskatastrophe. Beim Untergang der Wilhelm Gustloff am 30. Januar 1945 sind ihre Mutter Erna, ihr Bruder Hans und ihre Schwester Deike im eiskalten Wasser der Ostsee ertrunken. Hildegard Juhl erzählt vom Erdbeben in einer Sprache, die beide Katastrophen miteinander verwebt: Aus Erdbebenobdachlosen werden erst ausgebombte, dann ausgebebte Flüchtlinge, so entsteht assoziativ eine direkte Beziehung zwischen 1945 und 1960, zwischen Danzig und Valdivia. Schon ist sie wieder zurück auf dem Weg durch den Schnee zum schönen Schiff in Gotenhafen. Das Erdbeben war stark, stark genug, um als Metapher auszudrücken, was 1945 mit ihrem Leben geschehen ist. Die Erde ist kein sicherer Ort mehr, das Verlässliche, die Erde, die ist weg. Noch siebzig Jahre später fehlt Hildegard Juhl Grund unter den Füßen. Das Erdbeben von Valdivia ist das Sinnbild eines lebenslangen Nachbebens des Winters 1945.

Das 20. Jahrhundert ist voller Erdbeben, die bis heute nachbeben. Zwei Weltkriege, ein Kalter Krieg, fünf politische Systeme, eine blutige und eine friedliche Revolution sind als „große Geschichte“ die eine Seite der Medaille, die sich auf der anderen Seite in der „kleinen Geschichte“ wiederspiegelt. Jede „kleine Geschichte“, jedes einzelne Leben trägt Spuren der „großen Geschichte“ in sich. Als Nachbeben lassen sie sich über mehrere Generationen spüren.

Am 27. Januar 1945, drei Tage vor dem Untergang der Gustloff, befreiten die Soldaten der Roten Armee das deutsche Vernichtungslager Auschwitz. Die Shoah, das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte, war nicht länger zu leugnen. Da waren von Deutschen schon mehrere Millionen Menschen ermordet worden.
9.000 Menschen waren es, die mit der Gustloff untergingen. Neuntausend. Oder sagen wir lieber Zehntausend? Wir dürfen niemanden vergessen, und dann die Shoa-Toten. Hildegard Juhl ist nicht einverstanden mit der Zahl der Toten, überhaupt mit diesen abstrakten Zahlen, die die Würde jedes einzelnen Lebens überspielen. Gleich assoziiert sie die ermordeten Menschen des Holocaust, niemanden vergessen. Sowenig vergleichbar die Ertrunkenen der Gustloff und die Ermordeten von Auschwitz, die Opfer des Nationalsozialismus und die deutsche Zivilbevölkerung sind: Das Leid Aller kann in großer Intensität nachbeben.

Das Nachbeben zeigt sich in der Art und Weise wie wir unser Leben erinnern und erzählen.

In unserem Buch können Sie die Lebensgeschichte Hildegard Juhls und weitere 23 Lebensgeschichten lesen.